Gastbeitrag #3: Cities under siege: the new military urbanism – Vortrag von Stephen Graham im Kunstpalais

von Juliane Kühn

Am 14. Mai 2012 fand im Rahmen des Begleitprogrammes der Ausstellung „Töten“ der 3. Erlanger Vortrag zur Kulturgeographie des Instituts für Geographie der FAU Erlangen-Nürnberg statt. Dabei thematisierte Graham die Rückwirkung kolonialer Stadtgestaltungsexperimente und die Hochkonjunktur der globalen Sicherheitsindustrie. Ebenso widmete sich sein Vortrag dem Verständnis urbaner Strukturen als Einsatzort militärischer Techniken und Strategien. Im Sinne der Ausstellung „Töten“ ergänzte der englische Stadtforscher die aktuellen Erkenntnisse seines Forschungsfeldes mit Beispielen der künstlerischen Visualisierung militarisierter gesellschaftlicher Prozesse.

Als historischen Ursprung der Belagerung der Städte durch einen neuen militärischen Urbanismus, so die wortwörtliche Übersetzung des Vortragstitels, benannte der Referent seine Theorie des Foucaultschen Boomeranges. Im Rahmen dessen stellte er (städte)bauliche Aktivitäten des beginnenden 20. Jahrhunderts, wie die Umgestaltung von Paris unter dem Präfekten Haussmann und die Etablierung des Panoptikums als moderne Strafanstalt, als Ergebnis einer Rückwirkung kolonialer Experimente dar.

Ein modernes Beispiel für seine Theorie sei die Unterteilung Bagdads durch das US-Militär in verschiedene Sicherheitszonen. Jene Strategie aus dem Jahre 2003 fand ebenso Anwendung, als Reaktion auf die Folgen des Hurricane Kathrina in New Orleans im Jahre 2005. Die Übertragung kriegstechnischer Strategien in den urbanen Kontext sei ebenso Zeichen einer zunehmenden Militarisierung, wie die Annektierung politischer und sportlicher Großereignisse, als „shopping window“ der Waffen- und Rüstungsindustrie. Aufgrund ihrer hohen Dichte an Infrastrukturen und Menschen gleichen diese Ereignisse in ihrer öffentlichen Wahrnehmung derer von Städten, als Orte diffuser Gefahren. Dabei werden sie zugleich als Keimzelle und Angriffsziel moderner Kriegsinterventionen verstanden.

Doch nicht nur städtische Strukturen und Großereignisse sind laut Graham von einer zunehmenden Militarisierung betroffen. Ein Verwischen der Grenzen von Unterhaltungsindustrie und Militarisierung zeige sich einerseits in der Herstellung von Videospielen zum Zwecke der Rekrutierung neuer US-Soldat_Innen. Andererseits orientiere sich die Gestaltung der Bedienungsoberfläche militärischer Drohnen an populären Spielekonsolen. Im Rückgriff auf seine Theorie des Foucaultschen Boomeranges bezeichnete Stephen Graham dies als den „Ultimate-Boomerang-Effect“.

Die vielfältige Form dieser zunehmenden Militarisierung des Urbanen spiegelt sich außerdem in den von Graham dargestellten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der Thematik wider. Diese reichen von den urbanen Projektionen von Videokriegsspielen zur Republican Convention in Manhattan (Anne-Marie Schleiner: ‘OUT’, 2004) bis zu den Bestrebungen der Künstler_Innengruppe System-77 mit Hilfe von eigenen Drohnen eine Gegenaufklärungsanlage zu installieren (System-77, ‘S-77CCR’, 2004). Der gemeinsame Nenner dieses künstlerischen Diskurses liegt in der Thematisierung und Visualisierung einer oft unsichtbaren oder zumindest unbeachteten zunehmenden Militarisierung.

Genau darin sah auch Stephen Graham den Zweck der Darlegung seines Forschungsfeldes an diesem Abend in Erlangen. Sein Ziel sei es nicht das Publikum zu hysterisieren. Vielmehr wollte er zu einem Bewusstwerden der mannigfaltigen militärischen Einflüsse auf aktuelle städtische Entwicklungen beitragen. Mit dieser Intention zeigte sich einerseits die Nähe des Vortrages zu den Zielen der Ausstellung „Töten“. Andererseits verdeutlichte er durch seine Ausführungen die Möglichkeiten des Zusammenwirkens wissenschaftlicher und künstlerischer Praxen zur Demaskierung gesellschaftlicher Verhältnisse.

Zur Person: Juliane Kühn ist Studentin des Masterstudiengangs Kulturgeographie an der FAU Erlangen. Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt sind räumliche Verdrängungstechniken.

Der Lorlebergplatz im Fokus der Kulturgeographen: Großstadtflair oder Dorfidylle?

Eine neue Perspektive auf den Lorlebergplatz gaben gestern Abend die Studenten des Master-Studiengangs Kulturgeographie der FAU Erlangen-Nürnberg. Während des Wintersemesters 2011/12 haben sie sich im Rahmen einer  Projektstudie mit dem Lorlebergplatz auseinandergesetzt und ihn aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet, untersucht, ja fast schon seziert – horizontal, vertikal, mit allen Sinnen: die 3 Etagen des Platzes wurden regelrecht auseinandergenommen und ihren unterschiedlichen Nutzungen zugeordnet:  die variieren von Cafés über Apotheken bis hin zu Wohnungen und Tante-Emma-Läden. Vielfalt ist das zentrale Motto des Platzes: auf der einen Seite der Flair der  Großstadt, auf der anderen der Charme der dörflichen Idylle und: es ist immer etwas los. Ob es nun hupende Autofahrer, laute Passanten oder chaotisch abgestellte Fahrräder sind, vor allem für die Anwohner gibt es immer was zu sehen und zu erleben. Und wenn auf der Straße mal nichts los ist, dann kann man noch immer seine Nachbarn beobachten, wie eine Anwohnerin im Interview verriet. Nicht mehr wegzudenken ist auch der Protestbaum: Er steht zu Weihnachten als Mahnmal für den eingesparten Weihnachtsbaum der Stadt Erlangen auf dem Rondell. Es geht also hoch her am Lorlebergplatz!

Zum Abschluss des Vortrags gab es dann sogar eine akustische Kostprobe des Platzes für die Zuhörer.

Der Vortrag hat beim Publikum großen Anklang gefunden und es entwickelte sich im Anschluss eine lebhafte Diskussionsrunde. Wer selber nicht dabei sein konnte, kann sich mit Hilfe unserer Galerie einen Eindruck des Abends verschaffen:

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