Katalogkritik 2.0

Im Dezember 2011 startete das Kunstpalais eine besondere Aktion: Katalogkritik 2.0.

Via Facebook wurden Besucher der Ausstellung „iRonic. Die feinsinnige Ironie der Kunst“ eingeladen, sich als Katalogkritiker zu bewerben. Im Gegenzug lockte eine Veröffentlichung der Kritiken auf dem Blog des Kunstpalais. Und nun ist es soweit: Dr. Elisabeth Preuß – Bürgermeistern der Stadt Erlangen – und Eckart Flöther – Unternehmensberater, Coach und Moderator – haben zwei Rezensionen geschrieben, die es jetzt auf unserem Blog zu lesen gibt. Für ihr Engagement wollen wir uns an dieser Stelle ganz herzlich bedanken.

Beide Autoren konzentrieren sich auf verschiedene Aspekte des Katalogs und bieten somit durch ihre Texte einen facettenreichen Eindruck von dessen Inhalt und lassen auch die Ausstellung „iRonic“ nochmals aufleben. Aber überzeugt euch doch einfach selbst:

Dr. Elisabeth Preuß, Bürgermeisterin der Stadt Erlangen:

iRonic – Die feinsinnige Ironie der Kunst

Im Sommer 2011 zeigte das Kunstpalais Erlangen eine Ausstellung zum Thema „Ironie“. War schon die Ausstellung allein eine anregende Fundgrube (auch) für Politiker, im Doppelpack mit dem zugehörigen Katalog kommt „Die feinsinnige Ironie der Kunst“ als unbedingtes „must have seen“ daher.

Unverständlicherweise scheint das Lesen von Kunstkatalogen, und das anschließende Anwenden des Gelesenen nicht zum Alltagswerkzeug von Politikern zu gehören. Unverständlich deshalb, weil der enge Zusammenhang zwischen Politik und Kunst schon auf Seite 5 deutlich wird, wo die Autorinnen Claudia Emmert und Isabell Schenk-Weininger die 3 Worte zur Sprache bringen, die vom Politiker Barack Obama sicherlich bleiben werden: Yes, we can! Schon dieser, allen medial nicht völlig Abstinenten in Mark und Bein diffundierte, millionenfach zitierte Satz Obamas, der als Sinnbild für die Obamania stehen kann, durch welche der Amtsantritt des 44. Präsidenten mit einer kaum einzulösenden Hypothek belastet wurde, demonstriert die Notwendigkeit für Politiker, sich mit Kunst (oder deren Katalogen) zu beschäftigen. „Yes, we can“ wird, im Spiegel von Patrick Mimrans tröstender Erkenntnis „Don’t worry, none of us will be remembered next century“ reduziert zur Wort-Blase eines politischen Versprechens, das von vorne herein nicht gehalten werden konnte, das aber mit mit einer unendlichen Menge sonstiger Politikerworte der Gnade des Vergessens übergeben werden wird. Claudia Emmert liefert in der Einleitung des Kataloges die weitere Notwendigkeit für die Politik, sich mit der Ausstellung iRonic zu beschäftigen: „[die Künstler] greifen dabei relevante gesellschaftliche Themen auf und setzen sich mit politischen Slogans, Geschlechterrollen, Forschungsmethoden der Wissenschaft, oder unserem Umgang mit der Natur auseinander.“ (S.17) Übersetzt in die aktuelle politische Agenda heißt das z. B.: Stammzellenforschung, Genderfragen, Klimawandel. Wer jetzt noch zweifelt, welchen Stellenwert der Diskurs zwischen Kunst und Politik hat, der sei an folgende Ereignisse und Aussprüche des letzten Jahres erinnert:

Forschungsmethoden der Wissenschaft: “ Ich versichere Ihnen, dass ich meine Doktorarbeit eigenhändig geschrieben habe“ ( KT zu Guttenberg)

Umgang mit der Natur: „Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert“ (Angela Merkel)

Geschlechterrollen: „übrigens ist nirgendwo in der OECD der Einkommensunterschied so krass wie in Deutschland.“ (Gesine Schwan am Equal Pay Day 2011)

Im Innern des Kataloges geht es dann ebenso munter mit politischen Anspielungen weiter: der Globus, der Erlangen zum Nabel der Welt macht. (Beweisen das nicht tagein tagaus auch alle möglichen Rankings? Siehe auch Glosse in den EN vom Silvestertag 2011) Oder: Patrick Mimrans aufmunternde Worte: „don’t feel stupid if you do not like what everyone else pretends to love,“ die Politikern Mut machen zum eigenen Denken über Parteibuchgrenzen hinaus. Richtig ans Eingemachte geht es dann in Susanne Witzgalls Essay, „Everything you always wanted to know about art (But were afraid to ask)“. Witzgall leitet her, dass Ironie gerade durch ihr um-die-Ecke-denken dazu betragen kann, Dinge und Zusammenhänge klarer zu sehen. Niemand wird verneinen können, dass dies in der Politik durchaus förderlich sein könnte. Ironie also als „Steigerung der Mitteilungsmöglichkeit“ (S. 82) und so als eine zusätzliche Dimension der Kommunikation. Für Politiker gilt natürlich wie für alle anderen Akteure in unserer Republik der wichtigste Grundsatz der Kommunikation, nämlich, dass Kommunikation das ist, was vom Gegenüber verstanden wird. Dennoch zeichnen sich Reden mit Tiefgang und Unterhaltungswert dadurch aus, dass nicht nur Subjekt, Prädikat und Objekt aneinander gereiht werden, sondern dass dem Leser oder Zuhörer Spiegel vorgehalten werden, dass er zum Nachdenken gebracht wird, dass er Absurditäten im Alltagsgeschehen unserer Republik erkennen kann. Ironie, mit bedachtem Abstand zu Spott oder gar Sarkasmus, ist so nicht nur ein Gewürz, das Sinne berührt, sondern, wie Witzgall ausführt, „ein Weg, der über die Begrenztheit der Sprache und das Ungenügen der Realität hinausführt.“(S. 82)

Bedenkt man dabei noch, dass die Zuhörer von Politikern nicht immer ganz freiwillig zuhören (Grußworte!!) dann sollte sich das Verantwortungsbewusstsein der Politredner nicht nur auf das Thema und die gebotene Kürze erstrecken, sondern auch auf die Darbietung der Rede als solche; und eine Prise Ironie trainiert dann mit Leichtigkeit nicht nur die grauen Zellen der Zuhörer, sondern auch noch deren für ein Lächeln benötigte Muskulatur. Diese Muskulatur wird auch beim Lesen des Forschungsberichtes von Ironimus Übelmann strapaziert. Dieser Bericht, der nicht nur ein literarisches Vergnügen, sondern auch ein Schmaus für den Kultursinn ist, hat seine Fußnoten nicht nur ordentlich gelistet, sondern nimmt sich auch noch eines prominenten Sorgenkindes der Sprachwissenschaft an, nämlich des vom Untergang bedrohten Genitivs. Zuvor aber führt Ironimus uns vor Augen, dass auch scheinbar kaum Spürbares (wie Feinstaub, S. 119) ungeheure Wirkungen hervorrufen kann, wenn es nicht beachtet wird. Für Politiker ein gar nicht zu überschätzender Hinweis, der möglicherweise späteres Herum-Eiern, Betroffenheitserklärungen und Flickschusterei vermeiden hilft.

Ein Wunsch zum Schluss: ließe sich die HS-Touringmaschine so umbauen, dass sie nicht nur eine jeweils aktuelle Kunstdefinition liefert, sondern z.B. je nach Bedürfnis eine Warnfunktion für Fettnäpfchen, einen Sensor für Themen, die sich zum Politikum entwickeln könnten oder am besten, einen Generator für die jeweils optimale Portion Ironie, die aus einer eher einschläfernden Rede eine Visionäre und aus einem Grußwort eine anregende Begrüßung macht? Wie Ironimus ende ich mit Turnvater Jahn: „wo dieselben Menschen tagtäglich nur Einerlei sehen, hören und treiben, nur mit ihrer nächsten Nachbarschaft verkehren, muss Beschränktheit die notwendige Folge sein.“ Vor dieser Beschränktheit schützt die Beschäftigung mit Kunst.

Eckart Flöther:

iRonic – Die feinsinnige Ironie der Kunst

Wir alle haben erfahren, wie ein ironischer Dialog, der Beziehung von Menschen Würze gibt. Es bleibt bei Anspielungen, Doppeldeutigkeiten und hintergründigen Schelmereien. Trotzdem – oder gerade deswegen schafft Ironie eine augenzwinkernde Komplizenschaft und regt die Phantasie an.  Zu diesem Thema eine Ausstellung zu wagen, zeugt von Mut. Denn, Ironie braucht Niveau, damit sie ihre feinsinnige Wirkung entfalten kann. Ohne es gefriert sie zur Arroganz oder rutscht schnell ins Banale ab.

Beim Betrachten der zusammengetragenen Kunstwerke kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ironie beschränkt sich längst nicht nur auf Rhetorik, sie hat sich in alle Facetten unseres Lebens eingeschlichen, lugt aus jedem Winkel unseres Verhaltens, ja gibt unserem Dasein eine überraschend hintersinnige Dimension.

Der Katalog zur Ausstellung des Kunstpalais Erlangen ist ein kleines Kunstwerk. Die Mehrdimensionalität der Graphik ist eine Augenweide. Die verwendeten Stilelemente, der kurzweilige Wechsel von Textpassagen und Kunstwerken erzeugen eine kreative Spannung, die einen nur schwer loslässt. Die erläuternden Texte geben einen tiefen Einblick in den Stellenwert sowie die Vielfältigkeit der Ironie in der Philosophie, Politik, Kommunikation, Kunst, in unserem Alltag, selbst der Facebook-Generation. Alle im Katalog wiedergegebenen Kunstwerke erzählen eine ganz eigene Geschichte. Den nötigen Tiefgang zu diesen Geschichten liefern die dazu von Dr. Claudia Emmert glänzend formulierten Texte. Den Künstlern gelingt es in ihren Werken beim Betrachter ganz unterschiedliche Reaktionen hervorzurufen: Nachdenklichkeit, Neugierde, Trauer, Erstaunen, Faszination, Schmunzeln, Interesse oder sich ertappt zu fühlen.

Alles in allem: Der Katalog ist eine gelungene Mischung aus sehenswerter, zeitgenössischer Kunst, überraschenden Einsichten und graphischem Können; professionell eben. Ich bin sicher, er wird ein gefragtes Sammlerobjekt.


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