Katalogkritik 2.0 reloaded

Letztes Jahr gab das Kunstpalais seinen Besuchern die Möglichkeit, eine Rezension zum Ausstellungskatalog  „iRonic. Die feinsinnige Ironie der Kunst“ zu verfassen. Jetzt geht die Katalogkritik 2.0 in die zweite Runde! Diesmal wurde „Eckart Hahn: Der schwarze Duft der Schöhnheit“, dessen umfangreiche Einzelausstellung vom 16. September bis zum 13. November 2011 im Kunstpalais zu sehen war, genauestens unter die Lupe genommen und von Margaretha Kühneweg rezensiert:

Eckart Hahn: Der schwarze Duft der Schöhnheit

2011 ist ein gutes Jahr für Eckart Hahn, den in Reutlingen lebenden „Shootingstar der baden-württembergischen Szene“ (1). Das Kunstpalais Erlangen macht den Auftakt für das Ausstellungsprojekt Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit. Hier bekommt der Künstler Gelegenheit, Gemälde zu zeigen, die teils durch skulpturale Objekten ergänzt werden. Im entsprechenden Raum kommen so auch große Installationen zur Geltung. Viele eigens für diesen Anlass geschaffene Arbeiten werden da in Bezug gesetzt zu früheren, die sich weltweit verstreut in Sammlungen befinden. Im Jahr 2012 zieht die Ausstellung weiter – in die kooperierenden Kunstmuseen Heidenheim bzw. Singen. Der schwarze Duft der Schönheit war Eckart Hahns bis dato größte Einzelausstellung und aus diesem Anlass hat die Leiterin des Kunstpalais Erlangen Claudia Emmert auch eine Publikation zusammen gestellt – vielleicht der eigentliche Gewinn für den Künstler. Denn das Format entspricht zwar einem klassischen Ausstellungskatalog und dennoch kann die Publikation mehr: Neben, erwartungsgemäß, zahlreichen ganzseitigen Fotografien von ausgestellten Werken, teils auch Erlanger Ausstellungsansichten, gibt es Hintergrundtexte aus kunstwissenschaftlicher sowie theologischer Perspektive. Diese Texte können helfen die – sich im ersten Zugriff einer leichten Lesart entziehenden – Werke einzuordnen. Insbesondere für diejenigen, die Eckart Hahns Arbeiten über diese Publikation zum ersten Mal kennenlernen, wird so eine Rezeption erleichtert.

Bereits der Beitrag der Herausgeberin lohnt die Lektüre. Die promovierte Kunstgeschichtlerin Claudia Emmert stellt Hahns Arbeiten, nicht überraschend, in den Kontext der Stilllebenmalerei des 17. Jahrhundert. Sie liefert eine fundierte Einführung in wesentliche Aspekte des Genres und zeigt Bezüge an zahlreichen Beispielen aus Hahns Werk auf. Außerdem führt Emmert den Vergleich von Hahns Bildern mit Tatort-Fotos an, die Zeugnis ablegen vom Verfall, der sich „auf explosive Weise Bahn gebrochen hat“ (2), und gleichzeitig eine tiefe Ruhe ausstrahlen. Schönheit ist in der Postmoderne eben immer auch von Zerstörung bedroht, zurück bleibt ein Gefühl der Leere. Darüber können auch das immer wiederkehrende christliche Motive, insbesondere das Symbol des Kreuzes nicht hinwegtäuschen: Die existenziellen Fragen sind auch heute noch aktuell, aber die Möglichkeit eindeutiger Antworten ist obsolet geworden.

Der zweite Text wurde ebenfalls von einem promovierten Kunsthistoriker verfasst. Marc Wellmann steht für eine externe Perspektive – außerhalb der herausgebenden Institution Kunstpalais Erlangen, die ja selbst maßgeblich das Konzept der Ausstellung Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit geprägt hat. Sein Urteil, wenn auch knapp gehalten, fällt durchaus positiv aus, von „hoher handwerklicher Präzision“ (3) und „geradezu überbordender Fantasie“ (4) ist da die Rede. Beziehungen zum Realismus und zur Technik der Collage werden hergestellt, Eckart Hahn suche „im jeweiligen Medium eine möglichst ungehinderte Passage für seine Einfälle“ (5). Der Betrachter sei aufgefordert, sich die dargestellten Ambivalenzen zu vergegenwärtigen. Auch in diesem Beitrag wieder der Hinweis, dass Eckart Hahn „große Themen unserer Existenz“ (6) aufnehme.

Entsprechend sinnhaft erscheint auch der Gastbeitrag von Hans Jürgen Luibl, einem promovierten Erlanger Theologen. Allerdings bleibt die Qualität dieses Textes hinter den anderen beiden Beiträgen zurück. Es handelt sich eher um eine Ansammlung von Stichpunkten zu Fragen wie „Schwinden die religiösen Gewissheiten?“ (7) oder „Ist die Ästhetisierung der Ungewissheit zu wenig?“ (8). Vielleicht liegt es weniger daran, dass Luibl nicht aus einer kunsthistorischen Position kommt, sondern vielmehr an der theologischen Perspektive auf ein Werk, das von einem offenkundig stark säkularisierten, oftmals ironischen Umgang mit religiösen Symbolen geprägt ist? So wirkt dieser Text stellenweise wie der hartnäckige Versuch einer Andacht über einige von Eckart Hahns Arbeiten, die selbst hier noch die Spur des kirchlichen Gottes sucht: „Theologen jedenfalls wüssten davon zu berichten, dass dies der eigentliche Geburtsort des Glaubens ist: die Wüste, das Kreuz.“ (9) Vielleicht etwas zu gesucht?

Den stärksten Eindruck aber hinterlassen nicht die Texte, sondern Eckart Hahns Arbeiten, die durchgängig sehr präsent sind. Eine gut gemachter Katalog, dessen Layout den glatten, auf den ersten Blick gar oberflächlich erscheinenden Arbeiten, entspricht. Wer sich vom ersten Eindruck nicht abschrecken lässt, wird positiv überrascht – von der Tiefe der Inhalte, die in einer Spannung zu den scheinbar auf Glanz polierten Arbeiten stehen, wie von der Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten. Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit ist eine Lektüre wert.

(1) Anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Bundeslandes Baden-Württemberg im Jahr 2012 wurden Werke von 48 jungen, dort lebenden, KünstlerInnen durch das Land angekauft. Auch hier wurde Eckart Hahns Arbeit als „repräsentativ für den zeitgenössischen Kunstbetrieb“ ausgewählt und somit Teil einer Ausstellung, die „[…] diese Form der Kunstförderung dokumentiert und für die Bürger des Landes sichtbar [macht, MK], [damit, MK] das künstlerische Potential in Baden-Württemberg erkennbar und kontextualisiert wird […]“. Kunstmuseum Singen: Veranstaltungen in Singen, Ausstellung Baden-Württemberg 60, http://www.insingen.de/index.php?m=eventsrguid=258C9FB3A81C35E1D5B10A6AA79397CA&d=633&selid=633&mid=614 [Stand: 13.01.2012 16:13].

(2) Claudia Emmert: Schöne unheile Welt. Das Stillleben als Tatort bei Eckart Hahn, in: Claudia Emmert, Kunstpalais Erlangen (Hrsg.): Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit, Heidelberg : Kehrer, 2011, S. 12

(3) Marc Wellmann: Die Ambivalenz der Dinge, in: Claudia Emmert, Kunstpalais Erlangen (Hrsg.): Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit, Heidelberg : Kehrer, 2011, S. 44.

(4) Marc Wellmann: Die Ambivalenz der Dinge, in: Claudia Emmert, Kunstpalais Erlangen (Hrsg.): Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit, Heidelberg : Kehrer, 2011, S. 47.

(5) Marc Wellmann: Die Ambivalenz der Dinge, in: Claudia Emmert, Kunstpalais Erlangen (Hrsg.): Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit, Heidelberg : Kehrer, 2011, S. 47.

(6) Marc Wellmann: Die Ambivalenz der Dinge, in: Claudia Emmert, Kunstpalais Erlangen (Hrsg.): Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit, Heidelberg : Kehrer, 2011, S. 48.

(7) Hans Jürgen Luibl: Fragmente-Management. Gewissheit im Zerfall. Eine theologische Positionsbestimmung, in: Claudia Emmert, Kunstpalais Erlangen (Hrsg.): Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit, Heidelberg : Kehrer, 2011, S. 80.

(8) Hans Jürgen Luibl: Fragmente-Management. Gewissheit im Zerfall. Eine theologische Positionsbestimmung, in: Claudia Emmert, Kunstpalais Erlangen (Hrsg.): Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit, Heidelberg : Kehrer, 2011, S. 87.

(9) Hans Jürgen Luibl: Fragmente-Management. Gewissheit im Zerfall. Eine theologische Positionsbestimmung, in: Claudia Emmert, Kunstpalais Erlangen (Hrsg.): Eckart Hahn. Der schwarze Duft der Schönheit, Heidelberg : Kehrer, 2011, S. 88.

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