Menschliche Abgründe in Erlangen – zwei Vorträge beleuchten 500 Jahre tödliche Stadtgeschichte

Zum Auftakt unserer Themenwoche „Töten in Erlangen“ sprach der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Andreas Jakob, über Erlanger Tötungen und Mordgeschichten der letzten 500 Jahre.

Mit einem Schwerpunkt auf den historischen Archivdokumenten zu den zwischen 1699 und 1834 vollzogenen Hinrichtungen schilderte er die Umstände, Hintergründe und Schicksale rund um die Mordtaten. Vom Blutrausch beim Mord am Ehemann der Geliebten über Raub- hin zu Kinds- oder Muttermord. Kaum ein menschlicher Abgrund blieb unergründet und wurde durch eine Einsicht in Gerichtsakten und Folterprotokolle fassbar gemacht. Doch wie erging es den durch die Hinrichtung „unehrlich“ gewordenen Toten, sowie den Selbstmördern im Anatomischen Institut Erlangen? Die ausgestellten und präparierten Leichen wurden seziert und teilweise im Kabinett der Anatomie ausgestellt – eine besondere Attraktion für Besucher aller Altersgruppen, vor allem zu Bergkirchweihzeiten.

Der Stadtgeschichtsexperte ließ auch die dunkelsten Kapitel in Erlangens Vergangenheit nicht unerwähnt: Folter und Mord in der städtischen Nervenheilanstalt während der NS-Euthanasieprogramme sind bis heute genauso wenig vollständig aufgeklärt und aufgearbeitet, wie der erste antisemitisch motivierte Mord nach 1945 an dem jüdischen Rabbiner und Verleger Shlomo Lewin.

Tags darauf thematisierte Hartmut Heisig in seinem Vortrag mit Objektführung „Töten im Namen der Gerechtigkeit“ im Erlanger Stadtmuseum unter anderem die Konsequenzen, die ein Straftäter im 17. bis 18. Jahrhundert bereits bei geringen Vergehen zu spüren bekam. Aus heutiger Perspektive mag das schwer zu verstehen sein, doch dieses Rechtssystem setzte auf Abschreckung und nicht auf Resozialisierung der Täter – die Bestrafungen waren dementsprechend drastisch.

Als Highlight der Veranstaltung durften die Besucher eine der Kostbarkeiten des Erlanger Stadtmuseums bestaunen: Das Erlanger Richtschwert aus dem 17. Jahrhundert. Dieses wird nur selten seinem Glaskasten entnommen. Die Besucher hatten also die einmalige Gelegenheit, das Schwert in den Händen des Historikers live und „in Aktion“ zu sehen. Freilich ohne Bedenken, denn gerichtet wurde niemand. Vorgeführt wurde lediglich der typische Richtschwung, für den laut Heisig immer eine Meisterleistung nötig gewesen war.

Die beiden Vorträge waren übrigens nur der Anfang unseres umfangreichen Begleitprogramms, mit Spannung erwarten wir die Beiträge unserer weiteren Gastredner! Weitere Informationen findet ihr hier.

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