Gastbeitrag #2: Lesung und Künstlergespräch mit Parastou Forouhar

am

von Olaf Deininger

„Auch die Willkür hat ihre Gesetze“, bilanziert Parastou Forouhar. Eine Stunde lang hat sie aus ihrem Buch gelesen. Mehr als ein halbes Dutzend, mit gelben und violetten Post Its markierte Textstellen aufgeschlagen, ein oder zwei Seiten gelesen, um dann weiter zur nächsten Stelle zu springen. Vierundzwanzig Reisen in den Iran beschreibt ihr Buch. Es heißt: „Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden. Liebeserklärung an den Iran“. Und so spannt sie, mit vielen Orten und Begebenheiten, Erfahrungen und Plätzen, den großen Bogen ihres Lebens, ihres Kampfes und ihrer Kunst im Innenhof des Palais Stutterheim.

Rund 30 Zuhörer sind erschienen an diesem Abend des 26. April 2012, zu einer der vielen Rahmenveranstaltungen der aktuellen Ausstellung „Töten“ des Erlanger Kunstpalais. Ein interessiertes Publikum: an der Politik, an der Kunst und daran, wie sich in der anschließenden Diskussion herausstellt, was man tun kann.

Mehr als 13 Jahre kämpft die Künstlerin, die heute in Offenbach lebt, gegen das Vergessen ihrer Eltern, die 1998 im Iran umgebracht wurden. So lange ringt sie mit einem praktisch faschistischen Regime um die Aufklärung der Morde, um die Strafverfolgung der Täter und letztlich um die Anerkennung der politischen Dimension der Tat. Das Regime antwortet mit Überwachung, Bespitzelung, Schikanen, Drohungen und Arrestierungen. Darüber berichtet ihr Buch. Und über die wirre Logik dahinter.

Dariush und Parvaneh Forouhar zählten zu den führenden iranischen Oppositionellen. Vater Dariush war Arbeitsminister im Kabinett von Premierminister Mehdī Bāzargān. Beide wurden am 21. November 1998 in ihrem Haus in Teheran ermordet. Für die Tat macht die Opposition den iranischen Geheimdienst verantwortlich.

In der Ausstellung „Töten“ ist Parastou Forouhar mit der Arbeit „Zeit der Schmetterlinge“ vertreten. Eine Tapete mit farbigen Schmetterlingen, die einen ganzen Raum auskleidet, hübsch, pastellig bunt und ornamental. Doch die Schmetterlinge sind gleichsam vergiftet. Denn dem Betrachter erschließt sich – je näher er kommt – eine weitere Struktur in Flügeln und Körper: Silhouettenartige Szenen von Folterungen und Gewalt; prügelnde Figuren, ohnmächtige Opfer. Ein grausames Panoptikum, das dort hinter der Schönheit des Flüchtigen wartet.

Eine Arbeit, die aber auch balanciert zwischen dem Anspruch des allgemeingültigen Werkes und der persönlichen Betroffenheit. Parastou Forouhar ringt mit beiden Polen, versucht ihr Werk in der Schwebe dazwischen zu halten. Die Betroffenheit gibt ihr Energie und Sinn, sie schwächt aber auch die Kunst. Oder kann das zumindest.

Und so ist ihre Kunst weder ausschließlich politische Waffe, noch das Gegenteil. Woher sonst sollten wir unsere Inspiration nehmen, wenn nicht aus unserem Schicksal? Nur wir brauchen auch einen Abstand dazu. Ulrike Meinhof hat einmal geschrieben: „Wer wirklich betroffen ist, schreit nicht, sondern überlegt sich, was er tun kann.“ Auch diese Antwort gibt der Abend.

Das Publikum möchte wissen, welchen Stellenwert die Opposition im Iran heute hat – nach Niederschlagung der grünen Revolution 2009 und dem Sieg des Arabischen Frühlings ein Jahr später. Zersprengt und niedergeschlagen. Reicht die Unterstützung des Auslands? Kaum.

Ein vollbärtiger Mann aus dem Publikum steht auf und weist auf eine Mahnwache von Amnesty International in Nürnberg hin. Sie protestiert gegen die Verurteilung des iranischen Rechtsanwalts Abdolfattah Soltani. Das Gericht hatte ihn im März dieses Jahres wegen regimefeindlicher Propaganda, Verschwörung gegen die Staatssicherheit sowie die Annahme eines „ungesetzlichen Preises“, des Nürnberger Menschenrechtspreis 2009, zu 18 Jahren Haft verurteilt. Auch die Willkür hat ihre Gesetze.

Zur Person: Olaf Deininger ist Journalist und Redakteur. Er arbeitet zurzeit als Entwicklungsleiter beim Deutschen Landwirtschaftsverlag in München.

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