Und zum Schluss…

frieze_de_07

… gibt es noch ein weiteres  Highlight, für all diejenigen die noch nicht genug von Benedikt Hipps einzigartiger Kunstwelt bekommen können.

Zwar ist die Ausstellung „Benedikt Hipp: Luxstätt“ schon seit zwei Wochen vorbei, sie hat aber deutlich ihre Spuren hinterlassen. Ihr strahlender Glanz erreichte die gesamte Bandbreite der Medien, bis in die letzten Ecken. Zeitungen, Magazine sowie das Radio berichteten über das Spektakel.

Vom renommierten art – Magazin bis zur Zeitkunst waren sie alle vertreten. Das weltbekannte frieze d/e Magazin konnte solch eine strahlende Ausstellungen natürlich nicht übersehen und veröffentlichte einen weiteren diskursiven Artikel. Reinschauen lohnt sich!

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BENEDIKT HIPP

Kunstpalais Erlangen

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Von Cynthia Krell 
 

Scheinbar mühelos baut Benedikt Hipp in seiner bisher größten Einzelausstellung Luxstätt einen Spannungsbogen, der über insgesamt 11 aufwendig inszenierte Räume trägt und mitten hinein in sein Werk führt. Wie ein Szenograf komponiert Hipp für seine zahlreichen Tafelbilder, Tusche-Zeichnungen, Skulpturen und erstmalig raum­greifenden Installationen begehbare Bild­räume, um seine Werke in eine nicht lineare Erzählung einzubetten. Mit sichtbar viel Aufwand und Baumaterial wurden die ursprünglichen Räume des Kunstpalais durch architektonische Einbauten wie erhöhte Holzböden, aufgedoppelte Wände, Podeste, Rampen und Wanddurchbrüche stark verändert – allesamt Elemente, die als Motive auch in Hipps Bildern auftauchen.

Man fühlt sich an künstlerisch gestaltete Innenräume wie den MERZbau (1920–36) von Kurt Schwitters, das Kabinett der
Abstrakten (1928–29) von El Lissitzky oder die begehbare Skulptur Hon (1966) von Niki de Saint Phalle erinnert. Und doch gibt es einen elementaren Unterschied: Hipp schafft hier keine Gesamtkunstwerke, sondern konzipiert vielmehr Bühnenräume, in denen seine eigentlichen Werke ihren Auftritt haben können. Er rahmt und kombiniert sie mit gefundenen Objekten, baut ein leicht erhöhtes Podest zur Kunstbetrachtung ein oder verwandelt eine Tür in einen Kleiderschrank, durch den man nun in schwarze Kabinette eintritt – untypische Räume für die Präsentation von Malerei und Skulptur.

Neben knapp 20 für Hipp so typischen Tafelbildern, gemalt mit Ölfarben auf Holz und mit gefirnisster Oberfläche – fraglos die Hauptdarsteller der Ausstellung – zeigt der Künstler auch zahlreiche Tusche-Zeichnungen aus den letzten fünf Jahren. Sie machen seine malerische und motivische Weiterentwicklung deutlich. Wenn Hipps meist düstere Gemälde farbiger werden – etwa Einstieg in einen Raum mit Landschaft (2012), so erweitert er auch seine Zeichnungen zu Collagen aus Papierfragmenten oder inszeniert sie – wie die großformatige Papierarbeit Stillleben mit Agaven (2012), ein ausdrucksvolles Einzelporträt einer posierenden Diva in eleganter Abendrobe mit Vogelschnabel – räumlich.

Faszinierend bleibt aber vor allem, wie bereits in früheren Werken, Hipps entrückte Motivik: einzeln auftretende Tier-Mensch-Darstellungen, gesichtslose wie maskierte Köpfe, an Gebrauchsgegenstände erinnernde Körper, architektonische Gebilde in undefinierbaren Räumen. Die in einem abgedunkelten Kabinett präsentierte Reihe von Porträts sind schon allein aufgrund ihrer malerischen Details sehenswert. Da schwebt ein verwischtes Gesicht in einer aufgesetzten, schwarzen Vakuum-Kapsel (Unter den Augen IV, 2009–10), dort trägt eine im Seitenprofil dargestellte Person eine schnabelähn­liche Maske (Polytrop, 2009). Zwar lassen einige der Gesichter physiognomische Details erkennen – dennoch bleiben es Meta-Gesichter, Masken, verwischte Formen, die gerade über ihre lückenhafte und nur angedeutete Ähnlichkeit funktionieren.

Einen relativ neuen Schwerpunkt in Hipps Werk bilden seit 2010 seine Objekte und Skulpturen, deren erste, Grundlage (2010), hier im Erdgeschoss platziert ist und aus drei hölzernen, bemalten Perückenköpfen und diversen objets trouvés besteht, die auf unterschiedlich hohen Sockeln präsentiert werden. Im Untergeschoss dann zeigt der Künstler erstmals raumgreifende Installationen wie zum Beispiel Sunk (Gesunken, 2012): ein auf den Meeresboden gesunkenes Schiff mit gestapelten Öl-Kanistern, schweren Ankerketten, Holzpfählen, verstreuten Klein-Skulpturen und gefundenen Gegenständen wie Plastikflaschen. Mitten darin erinnert ein Holzmast mit drei abstehenden und mit goldglänzenden Polsternägeln übersäten Zylindern an Goyas Hexenflug (1797–98), welches als Bild-Zitat in der frühen Collage Flug und Heimat (2006) verdoppelt wird – wie Malewitschs schwarzes Quadrat, eine wiederkehrende kunsthistorische Referenz in Hipps Werk. Auf den ersten Blick ist das zwar atmosphärisch und narrativ dicht, im Großen und Ganzen aber verbleibt diese Rauminstallation auch wegen ihres Detailreichtums zu stark im Filmisch-Kulissenhaften. Hier wird Hipp fast zu einer Art Raumausstatter und entkoppelt das zuvor angewandte Prinzip der Szenografie von seinen Werken. Es fehlen die in seinen Bildräumen auftauchenden Gegensätze wie Fülle und Leere, Figuration und Abstraktion, Gegenstand und Gegenstandslosigkeit, Andeutung und Repräsentation. Auch die Gegenüberstellung eines erstmalig in Weißtönen gemalten Tafelbildes – Schleife (2012) – mit der stark blendenden Lichtassemblage Wall of verticals (Wand der Senkrechten, 2012) aus gebrauchten Neonröhren und einem Paar weiß bemalter Stiefel, fällt wegen ihrer allzu direkt eingesetzten Lichtmetaphorik zum Ende gegenüber dem dicht konzipierten ersten Teil der Ausstellung ab.

Davon abgesehen überzeugt und fasziniert Hipp als Erfinder von Werken mit zeitlosen und archetypischen Motiven, die gerade aufgrund ihrer Vagheit ansprechen. Ungewöhnlich ist und bleibt sein für einen Maler stark szenografischer Ansatz: die Gestaltung von subtil erweiternden, atmosphärisch aufgeladenen Raumkonzepten für seine Werke. Doch nur wenn das Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Werk bewusst aufrecht­erhalten wird, ergeben sich aus dieser räumlichen Erweiterung eigene Bedeutungs­ebenen. Die allumfassende Szenografie einer Bildidee in Form eigenständiger Installationen hingegen – so zeigt es diese Ausstellung auch – funktioniert dagegen nur bedingt.

Erste Veröffentlichung in frieze d/e #7

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