Achtung! Lebende Tiere!

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Im Rahmen des Projektseminars „Achtung lebende Tiere: Kuratieren und Vermitteln performativer Praktiken“ unter der Leitung von Dr. Jessica Ullrich an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sind zur Ausstellung #catcontent im Kunstpalais drei kreative Vermittlungsangebote entstanden. Für alle, die die Präsentation nicht sehen konnten, haben die Studierenden ihre Projekte hier zum Nachlesen zusammengefasst:

1. Reenactment der Performace I like America and America likes me von Joseph Beuys

Ein Projekt von Eva Sieratzki, Victoria Haas und Philipp Renner

Bild_Reenactment_5Für die Performance I like America and America likes me ließ sich Jospeh Beuys 1974 zusammen mit einem Kojoten für fünf Tage in einem abgetrennten Bereich der René Block Gallery in New York einsperren. In seiner Aktion setzte Beuys sich mit der Geschichte Amerikas auseinander, der Verfolgung der indianischen Ureinwohner durch die weißen Einwanderer. So wählte er bewusst einen Kojoten für seine Performance, denn für Beuys repräsentiert dieser die unbewältigte Vergangenheit des Mordes an den Indianern. In seiner Performance sollte dieser wunde Punkt in der Geschichte Amerikas durch eine Annäherung mit dem mythisch behaftenden Tier aufgearbeitet, sowie ein Dialog zwischen Mensch und Naturreich hergestellt werden.

Utensilien für seine Aktion waren unter anderem Filzdecken, eine Triangel, Stroh oder das Wall Street Journal. Allen verwendeten Gegenstände kam eine spezifische Bedeutung oder Funktion zu: So diente der Filz als Isolation (von Amerika) und der Wärmeübermittlung (an den Kojoten), die Triangel setzte Beuys ein, sobald das Tier zu unruhig wurde, um ihn zu einem ausgeglichen Verhalten zurückzuführen.

Bild_Reenactment_2Was Beuys mit einem Kojoten in einer Kunstgalerie durchführte, inszenierten wir als Neuinterpretation in einem Innenkäfig des Erlanger Tierheims mit einem Hund. In unserem Reenactment geht es darum zu zeigen, wie Tiere auf für sie fremde Menschen reagieren und mit ihnen interagieren. Bei unserer Arbeit wurde deutlich, dass ein domestiziertes Tier, wie der Hund eines ist, in solchem Maß an den Menschen gewöhnt ist, dass es zu keiner außergewöhnlichen Interaktion kommt. Der Hund blieb, anders als der Kojote, eher unbeeindruckt von der Anwesenheit des Menschen und seinen Handlungen bzw., wie die Interaktion mit einem anderen Hund gezeigt hat, sind die Tiere zum Teil so an ihre Bezugsperson gewöhnt, dass sie, in einem Käfig zusammen mit einem fremden Menschen, ähnlich einem Kleinkind ihr Unwohlsein deutlich zum Ausdruck bringen.

Anders als bei Beuys, in dessen Performance nicht nur das Tier auf den Menschen reagierte, sondern ebenso umgekehrt der Mensch sein Verhalten auf das Tier ausrichtete, beschränkte sich die Interaktion bei unserem Reenactment fast ausschließlich und gezwungener Maßen auf eine Reaktion des Menschen auf das Verhalten des Tieres. Entstanden ist eine Videodokumentation des Reenactments, welches im Rahmen der Finissage der Ausstellung #catcontent der Öffentlichkeit präsentiert wurde und bei den Besuchern durchaus Anklang fand.

 

2. Hunde-Portraits

Ein Projekt von Franka Höhnemann, Regina Pawlowski, Ludmila Hansen und Maren Mauch

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In der Ausstellung #catcontent demonstriert Annika Eriksson in ihren Werken eindrucksvoll das ambivalente Verhältnis zwischen Tier und Mensch in Istanbul. Im Video-Loop I am the dog that was always here (2013) zeigt sie an den Stadtrand vertriebene Hunde. Mit ihren Arbeiten The Great Good Place (2010) und Portraits (2010-2015) stellt sie – ehemals domestizierte, aber jetzt verwilderte – Katzen in den Fokus ihrer Betrachtung. Inspiriert von dieser Perspektive begaben wir uns auf die Suche nach in Deutschland ausgegrenzten Tieren. Im Tierheim Erlangen stießen wir nicht nur auf ausgegrenzte Hunde, sondern auch auf Mitarbeiter, die unserem Vorhaben positiv gegenüberstanden und uns ermöglichten einige Hunde zu fotografieren. Bei diesen vom Glück Vernachlässigten handelt es sich um ungeliebte und gemiedene Hunderassen: Pitbull, Rottweiler und Schäferhund – abzugeben, wenn überhaupt, nur in erfahrene Hände. Bereits die Fahrt an den Stadtrandgebiet von Erlangen und das Fotografieren der Hunde war ein außergewöhnliches Erlebnis. Unter der Aufsicht eines Tierheim-Mitarbeiters konnten eindrucksvolle Portraits der ehemaligen Kampf-Hunde entstehen, die im Eingangsbereich des Kunstpalais schließlich präsentiert wurden.

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Diese Hunde mussten unerträgliches Leid erfahren und auch die Vermittlung in ein neues, liebevolles Zuhause ist äußerst schwierig. Mit unserem Projekt wollen wir auf diese Hunde aufmerksam machen. Denn nur der Mensch kann das wieder gut machen, was er verbrochen hat. In diesem Sinne hoffen wir, dass wir zumindest einen Denkanstoß geben konnten und wünschen uns, dass sich mehr Menschen gegen Tier-Missbrauch engagieren.

Das Projekt wurde durch freundliche Unterstützung des Kunstpalais Erlangen und des Tierheims Erlangen ermöglicht.

 

3. Die Kreativität des Nestbaus – Ein ästhetischer Versuch, inspiriert durch Zebrafinken

Ein Projekt von Corinna Eußner, Katharina Mattes, Pia Müller und Markus Ulbrich

Die Inspiration:

Nur Menschen können Kunst schaffen und Tiere darin höchstens Objekte der Ästhetik sein? Die Ausstellung #catcontent, die bis zum 21. Juni im Kunstpalais Erlangen zu sehen war, sieht das anders. Sie spricht auch Tieren künstlerische Ambitionen zu.

Zum Beispiel in Björn Brauns Untitled von 2013. Der Künstler untersuchte hierbei die Zusammenarbeit von Mensch und Tier in der Kunst. Dazu stellte er seinen Zebrafinken Material zum Nestbau zur Verfügung. Neben den natürlichen Produkten wie Holz und Blättern, bot er ihnen auch Plastik-Blumen und bunte Federn an. Aus diesen, auch artfremden Materialien, bauten die Zebrafinken selbständig Nester, welche ausgestellt wurden. Dies ermöglicht einen differenzierteren Blick auf Tiere, die hier nicht als Objekt betrachtet werden und Teil einer von Menschen geschaffenen Kunst sind, sondern aus eigener Handlungsmacht Dinge erschaffen, die Menschen auf ästhetischer Ebene ansprechen.

Bild 3Bild 2Die Idee und Umsetzung:

Durch Brauns Arbeit inspiriert stellten wir uns die Frage, in wie weit Menschen selbst die gleiche Arbeit wie die Zebrafinken vollbringen können. Am Samstag, den 20. Juni 2015 war es soweit und Passanten konnten im Schlossgarten ihrer Phantasie freien Lauf lassen und anstelle der Vögel den Nestbau selbst in Angriff nehmen. Denn, obwohl die Vögel mehr Erfahrung haben was den Nestbau betrifft, sollte doch der Mensch ihnen in Sachen Ästhetik in nichts nachstehen, oder? Getreu dem Motto, alles ist erlaubt was gefällt, wurden sowohl natürliche als auch Bastel- sowie Müllreste den fleißigen Bastlern zur Verfügung gestellt, welche auch den verwendeten Materialien in Brauns Kunstwerk ähnelten.

Trotz des unbeständigen Wetters verirrten sich einige Passanten in den Schlossgarten und halfen tatkräftig beim Schmücken und Fertigstellen der Nester mit. Die Ergebnisse diesen Nesterbaus sind nun im botanischen Garten zu sehen. Und wer weiß, vielleicht verirrt sich ja auch ein Vogel in die Nester!

Wir danken:

…dem botanischen Garten für die Erlaubnis zur Präsentation der Nester.

…dem Kunstpalais für die Zusammenarbeit und das Bereitstellen jeglicher Materialien sowie Equipment.

…unserer Dozentin Jessica Ullrich, die uns mit Rat und Tat zur Seite stand.

 

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