Mit Witz, Charme und Kritik – Munib Aghas Führung durch „Böse Clowns_reloaded“

Munib Agha war – wie angekündigt – verdammt gut vorbereitet. Entgegen unseren Erwartungen eine mathematisch–wahrscheinlichkeitstheoretische 20160601_180708Sicht auf die Ausstellung zu bekommen, erhielten wir vor allem die eines politischen Menschen. Der Erlanger Doktorand bot eine lebendige und interessante Führung durch die Ausstellung Böse Clowns_reloaded voll persönlicher Assoziationen und Erinnerungen.

So in der raumgreifenden Installation von Barbara Breitenfellner, in der zwei Rollergirls im Diskolicht vor einem riesigen Clownsporträt schweben. Die Künstlerin übersetzt auf diese Weise ihre Träume, die sie zuvor in einem Traumtagebuch festgehalten hat. Davon zeigte sich Munib sichtlich beeindruckt, er habe seine Träume kurz nach Erwachen bereits vergessen. Aber nicht alle! Ein Traum blieb ihm doch in Erinnerung – nachvollziehbar, wenn man Folgendes hört: Ein C&A-Schild verfolgt den damaligen Erstklässler und versucht ihn umzubringen. Konsumkritiker bereits in jungen Jahren oder Kind mit oberbayrischem Trauma des samstäglichen Shoppings mit der Familie? Man weiß es nicht, ist aber auch egal. Wir finden’s lustig und ehrlich und der ein oder andere schwelgt selbst mal kurz in den jungen Jahren und denkt über die Ängste der Kindheit nach.

Eine Lieblingsecke von Munib – und er kennt sie genau, war er doch dreimal hier, zuletzt 5 Stunden, und er wäre länger geblieben, wenn ihn der Hunger nicht hinausgetrieben hätte – ist die Wand, die den Guerilla Girls gewidmet ist. Besonders beeindruckt zeigte sich Munib von den Advantages oft being a woman artist, die mit ironischer Stimme auf den Ausschluss von weiblichen Künstlerinnen aufmerksam machen. Wichtig, dass diese Missstände auch bei den männlichen Mitmenschen Beachtung finden – Danke Munib!

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Ebenfalls einer der besten Räume sei für ihn der von Abner Preis, den er als modernen Geschichtenerzähler vorstellt. Die Installation Always happy on the outside erzählt das Märchen eines Maskenmachers, der für das jährlich stattfindende Dorffest Holz für Masken auftreiben muss. Der auserwählte Baum handelt einen Deal mit dem Maskenmacher aus: Er opfert sich, unter der Bedingung, dass nie wieder ein Baum gefällt wird. Die Abmachung beinhaltet allerdings, dass die Menschen des Dorfes die fröhlichen Masken nicht wieder ablegen dürften. So bleiben die Menschen „always happy on the outside“. Was sich im Inneren abspielt, ist nicht mehr sichtbar. Munib weist uns darauf hin, dass sich die Geschichte als Parabel auch auf heute übertragen lässt und als marxistische Gesellschaftskritik interpretiert werden kann.

In dem Video von Super A aka Evil Knievel Bad Joke (White Lies) trägt der Künstler mit einem „Blackface“ geschminkt rassistische Witze vor. Munib versorgt uns noch mit dem nötigen Wissen zu dem Phänomen des Blackfacing im Kontext von Rassismus und seinen Verflechtungen mit der Mediengeschichte. Wieder was gelernt dank Munibs guter Recherche.

Im Untergeschoss wird’s dann eher didaktisch, wie Munib selbst lachend anmerkt. Als wir vor Jake und Dinos Chapman Arbeit Don’t look now stehen, fragt er: „Was denkt ihr, wollen die Künstler damit sagen?“ „Nichts“ ist seine Auflösung, was uns erstmal irritiert dastehen lässt. Munib selbst findet das eher widersin20160601_190807nig, denn liegt dem expliziten Willen, ein ideologiefreies Kunstwerk zu schaffen, nicht ebenfalls eine Ideologie zugrunde? Gute Frage, über die man nochmal nachdenken muss. Noch härter geht er mit der geköpften Ronald McDonalds-Figur von Jani Leinonen ins Gericht. Dass McDonalds für das Böse des Kapitalismus stehe, bezeichnet er als „absurde Kapitalismuskritik“. Und plötzlich steht ein Politiker vor uns, der dafür plädiert, nicht die Unternehmen zu kritisieren, sondern die Politik in die Verantwortung zu nehmen. Kritisch ist er, der Munib und das macht seine Führung besonders spannend.

Zum Abschluss gibt es noch einen begeisterten Applaus für eine wirkliche tolle Führung!

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