Aplysia: Bin ich hier richtig? – Fremd im eigenen Leben

„Bin ich hier richtig?“ Diese Frage stellen wir üblicherweise, wenn wir neu sind, einen fremden Ort aufsuchen oder auf der Suche nach dem verabredeten Treffen an eine Tür klopfen. Das eigene Leben jedoch darauf zu befragen, ob man hier richtig ist, hat doch etwas Absurdes, Widersprüchliches und wirft Fragen danach auf, wie selbstbestimmt wir eigentlich leben.

Dora Faludi und Kristina Greif von Aplysia führen uns in ihrem Stück „Bin ich hier richtig?“ die Ängste, Zweifel, Fragen und Entscheidungsschwierigkeiten einer Generation vor, die sich von der Quarter-Life-Crisis geschüttelt fühlt.

Das tun sie in Form einer Lesung, begleitet von Musik, Schauspiel und viel Selbstironie. Auf der Bühne sitzen zwei junge Frauen an einem Tisch, der vollgeladen ist mit Obst, Gläsern, Bierflaschen und anderen Gegenständen, die zur geräuschvollen Untermalung der szenischen Lesung dienen. Zur Rechten der beiden Damen steht ein junger Gitarrist, der das Ensemble musikalisch vervollständigt. Abwechselnd lesen die beiden Frauen Szenen aus dem Leben der Protagonistin vor, von der jeweils anderen mimisch-gestisch-lautlich umgesetzt.

Eine performative Lesung, lebendig und bruchstückhaft, lässt uns gemeinsam mit der Protagonistin durchs Leben stolpern.

Die Sprecherinnen servieren Weisheiten wie „Immer, wenn man anfängt eine Zigarette zu drehen, kommt der Bus“, unbeantwortete Fragen wie „Bin ich schön?“, und Überlebensstrategien wie „Mit Zimt und Zucker schmeckt alles“.

Zwischendurch wird’s lehrreich, fast in Referatsform erfahren wir etwas über die Amygdala, die zuständig ist für Angst. Wenn diese durchdreht, bekommt man eine Panikattacke. Das alles wird kurz und knapp, anschaulich und in einfachen Worten anhand eines Flipcharts erklärt. Später gibt’s noch einen Exkurs zu Freud. Klar, der darf nicht fehlen, geht’s ums Ich. Das „Ich“, das „Es“, das „Über-Ich“. Was dabei um was kreist? Ist nicht so wichtig, Hauptsache Ego.

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Wir erleben vertraute Szenen und leiden mit: Zu Besuch bei einer alten „Freundin“, die verliebt, verlobt und bald verheiratet ist, super viel arbeitet, dafür aber auch mehr Geld bekommt. Glücklicherweise, denn sie hat sich mit ihrem Liebsten ja ein Grundstück gekauft. Der geplante Nachwuchs braucht schließlich ein gebührendes Zuhause. Läuft bei ihr – fast so gut wie im eigenen Leben. Männer? Ja, viele. Job? Auch, viele. Also, als wieder eingeschriebene Studentin nebenbei eben.

Etwas zermürbt von diesem Besuch, der wieder diese nervigen Fragen aufwirft, was das Leben denn so für einen bereithalte, erscheint ein Baum als Retter in der Not. Der Versuch, an ihm hinaufzuklettern, um etwas von dieser starken Aura des Beständigen abzugreifen, scheitert kläglich. Weiter geht’s. Nächste Episode: Weihnachten bei den Eltern, wieder ist ein erfolgreiches Jahr vergangen. Der Abschied davon erfolgt feierlich „mit großem Schwall an Erbrochenem“.

Auch schön: Der alltägliche Wahnsinn des urbanen Menschen illustriert anhand einer Szene, in der die Protagonistin nach Hause kommt. Nach Hause kommen, Ruhe finden, abschalten, runterkommen. Das ist das was man sich wünscht. Die Musik des Nachbarn wummert in der eigenen Wohnung, der Staubsauger desselbigen kratzt an der Decke und das Gegröle/der begleitende Gesang an den Nerven. Das ist die Realität. Fast unerträglich gut imitiert, erlebt der Zuschauer und -hörer die Szene live mit und ist froh als es wieder ruhig wird. Es folgen Szenen, die die Phänomene unserer Zeit, wie die Selbstinszenierung auf Facebook, die unendlichen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und die damit einhergehenden Irrwege und Entscheidungsschwierigkeiten, abbilden. Die Suche nach dem Inneren: „Wo ist mein Bauchgefühl?“ und der vermeintliche Freund und Helfer auf dem Weg dahin: Alkohol. Alternativ hilft nur ein spirituelles Yogafestival in Ungarn. Bei absoluter Ratlosigkeit wird Google zum Ansprechpartner des Vertrauens.

Bei so vielen Realitäten – das Internet, das Eigene, das Andere, Yoga und was es da noch so gibt – stehen Reflexionen über die eigene Wirklichkeit auf der Tagesordnung. Der vom Balkon aus beobachtete Mann mit Schnauzbart wird mit einer kompletten Geschichte ausgestattet, wird vom Unbekannten zur Person. Wie oft schaffen wir uns unsere eigene Realität? Fragen, die die Wahrnehmung der Wirklichkeit betreffen, stellen sich auch an das bipolare Prinzip des Entweder-Oder-DenkIMG-20160610-WA0001ens.

Letzte Passage: Fröhliche Gitarrenmusik, auf dem Flipchart steht schwarz auf weiß: 10.06.2016, die Geschichte ist im Hier und Jetzt angelangt. Das Resümee: „Ich bin in der Gegenwart angekommen und hab mein Leben immer noch nicht im Griff.“ Das Plädoyer: Weg mit dem „Entweder-Oder“ und her mit jugendlichem Leichtsinn nebst verantwortungsvollem Verhalten! Die finale Erkenntnis: „Quarter-Life-Crisis – scheiß drauf!“ – „Will irgendjemand Obst oder Schnaps?“

Wir freuen uns, diese witz- und geistreiche Performance in den eigenen Hallen erlebt zu haben und sagen Danke an Arena und bis nächstes Jahr!

 

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