Mehr als Vater, Mutter, Kind

Erst stehen sie nur stumm nebeneinander, schauen starr und ein wenig grimmig in die Kamera. Dann holt sie tief Luft, dreht sich abrupt um und spuckt ihn an – immer und immer wieder. Alle fünf Jahre treffen sich der isländische Künstler Ragnar Kjartansson und seine Mutter für diese Aktion und halten sie auf Video fest. Seit letztem Freitag begrüßen die Resultate aus 15 Jahren Performancearbeit die Besucherinnen und Besucher des Kunstpalais in unserer Gruppenausstellung Dicker als Wasser. Konzepte des Familiären in der zeitgenössischen Kunst. Letzten Freitag ist sie mit großem Erfolg eröffnet worden.

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Aus ingesamt zwölf verschiedenen künstlerischen Perspektiven wird in diesem Herbst das Thema Familie beleuchtet. Oft sind es die eigenen Verwandschaftsbeziehungen der Künstlerinnen und Künstler, über die eine Auseinandersetzung mit Herkunft, Sprache, Trennung oder Tradition stattfindet. Simon Fujiwara etwa arbeitet in den Aufbau seines Museum of Incest architektonische Entwürfe seines Vaters ein, während der Vater des koreanischen Künstlers Haejun Jo Zeichnungen für ein Werk seines Sohnes anfertigt, das sich mit Protestbewegungen des Arabischen Frühlings beschäftigt.

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Fadma Kaddouri, in Marokko geboren, macht in einer Installation die Migration ihrer Familie durch Nordafrika nachvollziehbar und wie ihre Verwandten über hin- und hergesendete Tonbandkassetten den Kontakt aufrechterhalten konnten. Die in den USA lebende Nina Katchadourian wiederum spürt den armenischen und schwedischen Wurzeln ihrer Eltern nach, indem sie sich deren Akzente aneignet – und ihnen gleichzeitig ein akzentfreies Englisch antrainiert. Was eine Familie auch an Spannungen aushalten kann, verdeutlicht eindrucksvoll der Film Mental Radio, ein Porträt der Eltern des Künstlers Tobias Yves Zintel und seines autistischen Bruders. Und die Fotografin Nan Goldin, die existenzielle Momente in ihrem Freundeskreis mit der Kamera festhält, unterscheidet nicht mehr zwischen Freunden und Familie.

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Doch die Familienkonstellationen anderer sind ebenso Gegenstand der Ausstellung. Gillian Wearing etwa legt in ihrer Videoarbeit 2 into 1 einer Mutter die Aussagen, die ihre beiden Söhne über sie treffen, in den Mund und umgekehrt. Es entsteht ein äußerst intimes Psychogramm der Protagonisten. Aus einer Interviewsituation heraus sind auch die Videos der Künstlerin Candice Breitz entstanden, in denen eineiige Zwillinge und ein Drillingspaar aus ihrem Leben berichten und darüber, was es bedeutet, jemandem fast aufs Haar zu gleichen. Verena Jaekel hält in ihren fotografischen Porträts homosexuelle Paare mit deren Kindern fest und unterstreicht damit die Existenz von Regenbogenfamilien als neue Normalität, während das Künstlerinnenkollektiv Neozoon in einer Collage aus Internetvideos die Frage familiärer Beziehungen zwischen Menschen und Haustieren aufwirft. Der Berliner Künstler Johannes Paul Raether schließlich setzt sich in seiner Performance-Identität als Transformella mit den Folgen künstlicher Befruchtung und anderer biotechnologischer Entwicklungen für das familiäre Zusammenleben auseinander – am Eröffnungswochende gab es dazu von ihm eine aufregende Lecture-Performance zu sehen. Mehr dazu demnächst hier auf unserem Blog!

 

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