Mindblowing – die Tagung „Altered States. Substanzen in Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst“

Am Wochenende fand bei uns die interdisziplinäre Tagung zur Substanzen-Ausstellung statt. Samstagmorgen, bestes Wetter, #summeriscoming – wie viele Leute finden da wohl den Weg in den Bürgersaal?

Doch schon bei der Begrüßung durch Amely Deiss waren fast alle Reihen gefüllt – das Thema zieht anscheinend. Milena Mercer eröffnete die Tagung mit einer kurzen Einführung zum Thema und steckte das Feld ab, in dem sich die Vorträge und Diskussionen der nächsten zwei Tage bewegen würden. Jolanda Bozzetti führte in gewohnt charmanter Art durch das Wochenende und stellte die renommierten Vortragenden dem Publikum vor. Jan Fährmanns Vortrag „Drogenpolitik – Soziale Kontrolle durch Repressionen?!“ schloss perfekt daran an, weil direkt die Frage beantwortet wurde, wie welche Substanzen in Deutschland von Seiten der Gesetzgebung betrachtet werden. Mithilfe des BtMG gab es nun eine erste Definition bzw. Einteilung, mit der man arbeiten konnte. Jan teilte auch sein großes geschichtliches Wissen darüber, wann Substanzen und ihre Regulierung erstmals global diskutiert wurden, dass Großbritannien und Preußen die größten Kokain- und Opiumhändler ihrer Zeit waren und dass die USA das Opiumverbot so massiv vorangetrieben haben, um die chinesischen Immigranten nach dem Eisenbahnbau wieder aus dem Land zu vergraulen. In der anschließenden Diskussion ging es um die verschiedenen Situationen weltweit – von Portugals progressiver Drogenpolitik bis zu dem Grauen, das Duterte auf den Philippinen anrichtet.

Prof. Dr. Anna Henkel von der Leuphana Universität Lüneburg konzentrierte sich in ihrem Vortrag „Zur Garantie der Identität und Qualität zauberhaft wirksamer Mittel“ auf Arzneimittel, ihre gesellschaftliche Bedeutung und den Wandel des Verständnissen davon, was eine Arzenei ist und kann. Die lebhafte Debatte danach fragte u.a., bei wem die Verantwortung bei der Arzneimitteleinnahme läge, beim Individuum oder der Gesellschaft. Sicherlich erschreckend war für viele, dass erst mit der Änderung des Arzneimittelgesetzes zu Beginn der 2000er Medikamente, die neu auf den Markt kommen, alle Regulierungsschleifen durchlaufen müssen. „Sexuelle Orientierung ‚musikalisieren‘: Zu den Möglichkeiten der Nicht-Identifizierung und Offenheit“ nannte Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg seinen spannenden Vortrag, der sich um die Frage drehte, warum sexuelle Identität gesellschaftlich meist statisch gedacht wird und welche Probleme sich daraus ergeben. Im Anschluss wurde ausgiebig diskutiert, u.a. über Achtsamkeitskonzepte bei sexuellen Erlebnissen mit Substanzkonsum und über PrEP. Bei schönstem Wetter konnten wir die Referentinnen und Referenten auf unserer Terrasse weiter löchern.

Nach der Mittagspause drehte sich alles um Substanzen und Kunst. Milena Mercer führte die TagungsteilnehmerInnen, die neugierig Fragen stellten, durch die Ausstellung. Ist es vielleicht auch dieser Neugier, die man in der wissenschaftlichen Forschung braucht, zu verdanken, dass im Gegensatz zu anderen Führungen überproportional viele Mutige eine Pille von Carsten Höller schluckten? Der erste Vortrag des zweiten Blocks, „Kunst per Pille! Zur Biopolitik molekularer Körpermodifikationen seit 1967“ von Prof. Dr. Dietmar Rübel musste leider krankheitsbedingt entfallen. So eröffnete Ina Neddermeyer mit „Virtuelle Substanzen. Die VR-Brille als ultimative Droge?“ den Nachmittag. Sie zeigte Arbeiten zeitgenössischer KünstlerInnen, die genau an dieser Schnittstelle arbeiten und diskutierte hinterher mit dem Publikum die Frage, welche Möglichkeiten VR in der Verhaltenstherapie bietet und inwiefern es aufgrund der hohen Immersion mit körperlichen Auswirkungen sinnvoll ist, von „Virtuellen Substanzen“ zu sprechen.

Zauberhaft wurde es bei Michael Klipphahns Vortrag „Kunst. Magie. Emoji. ‚Magische‘ oder ‚verhexte‘ Substanzen und ihre Rolle in der Gegenwart(skunst)“. In einem rasanten Ritt durch die Geschichte, Gegenwart und Zukunft faszinierte er das Publikum mit seinem Wissen über Hexensalben, Lebenselixieren und Liebestränken in und außerhalb der Kunst. Den Tag beschloss die Lecture Performance „Acid Architecture: Ayahuasca and the Brain without Organs“ von Warren Neidich, der über Cognitive Capitalism sprach und in Anlehnung an Gilles Deleuze sein Konzept des „Brain without Organs“ vorstellte.

Der Sonntag begann fulminant mit Prof. Dr. Christian Müllers Vortrag „Die Droge als Instrument – psychologische und neurobiologische Mechanismen der Drogeninstrumentalisierung“. Der Suchtmediziner von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg berichtete von den Ergebnissen seines Forschungsteams und stellte die 9 Verhaltenskomplexe vor, wann Menschen Drogen als Instrument benutzen. Prof. Dr. Stephan Schleim von der Universität Groningen knüpfte mit „Medikamente und Drogen im Wandel gesellschaftlicher Erwartungen“ wunderbar an das Thema an. Am Beispiel von Amphetamin bzw. „Speed“ bzw. Methylphenidat bzw. Ritalin wurde darüber diskutiert, wann eine Substanz gesellschaftsfähig ist und wann nicht. Die anschließende Diskussion stellte die großen Fragen: Wie wollen wir leben? Wo beginnt die individuelle Freiheit? Als letztes Highlight präsentierte Dr. Katrin Preller, Yale University & Universität Zürich, ihre Forschungsergebnisse in dem Vortrag „Psychedelika in der neurowissenschaftlichen Forschung – mögliche Anwendungen in der Therapie psychiatrischer Krankheiten?“. Die Berichte über die Versuche, in denen Probanden und Probandinnen LSD und Psilocybin gegeben wird, fesselten das Publikum und entfachte eine lebhafte Fragerunde.

Die zwei Tage waren einfach nur spannend, bereichernd, lustig, nachdenklich und intensiv. Wir möchten uns an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei allen Referentinnen und Referenten bedanken, die aus den verschiedensten Disziplinen und aus den verschiedensten Winkeln Europas zu uns gekommen sind, um den Diskurs über Substanzen voranzutreiben.

Wer nun traurig ist, dass er nicht dabei sein konnte – im Herbst erscheint der Katalog, der neben Texten von Milena Mercer, Malte Kröger und Max Daly, VICE UK, sowie den KünstlerInneninterviews auch alle Tagungsbeiträge auf Deutsch und Englisch enthalten wird. We keep you posted!

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