Zündstoffe #5: Lieblingsmilchproduktions-einheiten

Auf unserem Blog zu Gast: Studentinnen des Instituts für Kunstgeschichte von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg schreiben über die Ausstellung “Almut Linde: Radical Beauty”.

Wussten Sie, dass Deutschland der größte Milchproduzent der Europäischen Union ist? Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz beziffert den jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von Milch und Milcherzeugnissen in Deutschland sogar auf mehr als eine drittel Tonne. Diese hohe Nachfrage wird nicht zuletzt mittels Massentierhaltung gestillt.

Almut Linde DM #34.1.1
Almut Linde: Dirty Minimal #34.1.1 – Lieblingsmilchproduktionseinheiten / Favorite Milk Production Units, 4 Light-Jet-Prints, 4 Pigment-Prints, je 86 x 126 cm, 2005, Milchproduktion APG/ Milk production APG, Plüschow

Welche Bedeutung kann das individuelle Lebewesen innerhalb eines solchen leistungsgetrimmten Systems noch haben? Vier Tierwirte sitzen oder stehen im Gang eines industriellen Milchbetriebs und wenden sich mal ernst, mal lachend einer der vielen Kühe zu. Bevor die Künstlerin Almut Linde die Fotografien aufnahm, hatte sie die Porträtierten gebeten, auf ihre Lieblingskuh zu zeigen – in der Erwartung, dass persönliche Bindung an einem solchen Ort unmöglich sei. Doch die Gefragten positionierten sich sofort. Menschlichkeit und Tierliebe blitzten auf.

Im Entstehungsjahr des Werkes 2005 war die Milchwirtschaft längst auf dem Weg in die sogenannte Milchkrise, auf deren Höhepunkt 2009/2010 der Milchpreis so stark gesunken war, dass die Bauern um ihre Existenz fürchten mussten. Von der tragischen Entwicklung konnten die Arbeiter damals noch nichts wissen. Doch auf den Texttafeln, die neben den Bildern hängen, kann man sie schon herauslesen: Darauf wird von finanziellem und wirtschaftlichem Leistungsdruck berichtet, dem man unterliegt. Resignation und Enttäuschung klingen durch.

Nichts erinnert mehr an das bäuerliche Idyll der niederländischen Genre- und Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts, wie es Paulus Potters großformatiges Gemälde Der Stier (um 1647) beispielhaft zeigt.

Oder etwa doch?

Autorin: Hannah Butz studierte von 2009 bis 2012 Kunstgeschichte und Theater- und Medienwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Universität Bern. Seit 2012 durchläuft sie den Masterstudiengang Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Museumsarbeit.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Marlene sagt:

    Toll, wenn Kunstausstellungen gesellschaftliche Themen kritisch aufgreifen!

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