Zündstoffe #7: Wie reagieren die Besucherinnen und Besucher auf die Ausstellung „Almut Linde: Radical Beauty“?

Almut Linde DM #80.1
Almut Linde: Dirty Minimal #80.1 – Quietud/Cadena de Producción / Stillness/Assembly line, HD-Video, 1.01 min., 2013 (Video Still)

„Das ist ja pervers. Es zieht mir im Hals, wenn ich sehe, wie die armen Tiere aufgehängt worden sind.“

„Es hat eine meditative Wirkung.“

„Es sieht nicht aus wie Haut, sondern eher Marzipan“ – „Ja, oder Porzellan!“ – „Ich finde, es hat etwas von Wachs.“

„Das Schwingen…“

Junger Mann gerade den Raum verlassend: „Wenn ihr da wieder raus seid, werdet ihr auf jeden Fall Vegetarier!“

Kunstpalais Erlangen Ausstellung
Dirty Minimal #86.2 – Rectangle / Fertilizer, 2013 (Düngemittel), Foto: Erich Malter

Eine junge Frau tritt in den Raum und sieht sich zunächst in der Nähe des Eingangs um, dann ruft ein Objekt am anderen Ende des Raumes ihre Aufmerksamkeit hervor. Schnurstracks schreitet sie voran und wird auf halber Strecke von einer der Aufseherinnen angehalten. Offensichtlich hatte sie das große blaue Rechteck am Boden für einen Teppich gehalten und wäre fast über dieses Werk Almut Lindes gelaufen. Mit einem großen Bogen um das Werk herum kann sie diesen Faux pas gerade noch vermeiden und endlich doch das Objekt ihrer Wahl aus der Nähe betrachten. Nochmal Glück gehabt!

KunstpalaisRadicalBeauty040214-0675
Almut Linde: Dirty Minimal #85.2 – Color Field Painting/8 Liters of Pig Blood, Leinwand, Schweineblut, 2013, Foto: Erich Malter

Lehrer: „… Leinwände mit Schweineblut…“
Schüler: „Echt!?“
Lehrer: „Für einige schwer zu ertragen. … Blut oxidiert mit Sauerstoff, deshalb eine bräunliche Farbe. Früher wurde Blut als Färbemittel verwendet… mit Kalk gemischt… enthält Proteine … als Bindemittel… Das ist eine Art Malerei.“

„Die Farbe ist so schön und warm und dann ist man geschockt.“

„Beklemmendes Gefühl.“ – „Es hat etwas Zerstörerisches.“ – „Gespenstisch.“

„Mir wird ganz übel, wenn ich das sehe…Ich kann mich hier nicht aufhalten.“

„Die Schattierungen und die Tiefe der Farbe sind wunderschön“

„Erfahrung des Materials ermöglicht Erkenntnis.“

Eine Mitarbeiterin des Kunstpalais: „Beim Auspacken roch die Leinwand noch stark nach Blut. Jetzt ist es durch die Klimaanlage nicht mehr zu riechen.“

Diskussion zur Verwendung von tierischen Materialien in der Kunst mit Bezug auf die Ausstellung: https://www.facebook.com/events/204846949712747/214824922048283/?notif_t=plan_mall_activity

Almut Linde DM #72.2.2
Almut Linde: Dirty Minimal #72.2.2 – Landscape/Animal Feed, Light-Jet-Print, 156 x 206 cm, 2013

Lehrer: „Riesiger Berg Tierfuttermittel.“
Schüler: „…Richtig scharfe Aufnahme… technisch scharf.“
Lehrer: „Wenn man lange hier stehen bleibt … lebensgefährlich. … Interessante Strukturen, technisch gut, schwarz-weiß bis schwarze Strukturen. Mit dem Photoshop ist es eine richtig gute Aufnahme geworden.“

Almut Linde DM #81.1
Almut Linde: Dirty Minimal #81.1 – Sacrificio / Kill Floor, Light-Jet-Print, 155 x 205 cm, 2013

„Ich glaube, als Frau kann man nicht in einem Schlachthaus arbeiten.“

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Almut Linde: Dirty Minimal #88.1 – Minimalized Dirt Square / Gorleben, Salzsteine, 2014, Foto: Erich Malter

Die quadratisch zueinander angeordneten Steine glitzern und leuchten ganz merkwürdig im Licht des Ausstellungsraumes. Auch ein junger Mann bemerkt dies und schaut sich die Steine näher an. Sein fragender Blick spricht Bände: Weshalb soll dies nun als Kunstwerk gelten? Die Neugierde überwiegt, er fragt eine der Aufseherinnen und erhält Aufklärung: Die Steine stammen aus Gorleben.

Schüler: „Kühe können ja solche Salzsteine essen.“
Lehrer: „… Tiere essen in der Natur auch Salzsteine, die sie finden … aber hier geht es nicht darum, sondern um Fleischbrocken.“

„Jetzt weiß ich endlich, wo das angebliche Himalaya-Salz herkommt!“

„Die sehen irgendwie aus wie Schweineohren.“

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Almut Linde: Dirty Minimal #87.1 – Heiße Zelle, HD Video, 10:22 min, 2014, Foto: Erich Malter

Älteres Ehepaar. Er zu ihr: „DAS ist für mich jetzt aber keine Kunst. Das macht der Mann doch jeden Tag.“

Lehrer: „…Kernwaffen… hier wird mit radioaktiven Stoffen hantiert. Maschinen … robotergesteuerte Waffen. Der Chemiker macht selbst die Bewegungen, also durch seine Hand gesteuert.“

„Sieht aus wie ein Theaterstück auf einer Bühne. Und einmal meint man auch, der Roboterarm guckt ganz lieb und schräg in die Kamera.“

„Mir ist der Bezug unklar. Ohne den Text im Kurzführer wäre mir nicht bewusst gewesen, was man da sieht.“

„Die Roboter-Arme sind irgendwie lustig. Sie wirken so menschlich in ihrer Vorgehensweise und ihrem Verhalten, auch wenn man erst nur sie sieht, ohne den Menschen dahinter.“

Kunstpalais Erlangen Ausstellung
Almut Linde: Dirty Minimal #86.1 – 100 m Hüllrohre zur Herstellung von Brennstäben für Kernreaktoren, 35 Hüllrohre aus Zirkaloy, 2014, Foto: Erich Malter

Ein Besucher deutet auf einen schwingenden Stab hin: „Das war nicht die Künstlerin, das war ich! Im Kurzführer steht, dass man sich darin bewegen darf, und ich habe es mit der Schulter berührt.“

„Außerdem große Verhedderungsgefahr, wie ich finde.“

Kunstpalais Erlangen Ausstellung
Almut Linde: Dirty Minimal #33.3 – Bullet Action-Painting/Machine Cannon, 9 Aluminiumplatten, 2006 / Dirty Minimal #52.2 – Landschaft/Feuerpause/Landscape/Cease-Fire, 2 Light-Jet-Prints, 2008, Foto: Erich Malter

Ein kleiner Junge, nachdem ihm erklärt wurde, wie die Löcher in den Platten entstanden sind: „Mit echten Pistolen? Oh.“

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Almut Linde: Dirty Minimal #45.1.2 – Eine andere Welt / Another World, Fotografie und Text, 2008/09, Foto: Erich Malter

Lehrer: „Das ist tschechisch. Schaut euch auch diesen Raum an, außer diese Collage. … Ich les einfach vor, was sie geschrieben hat: [Vorgelesen wird der entsprechende Text aus dem Kurzführer].“
Schüler: „Heftig!“
Lehrer: „Das ist sehr heftig! … Das kippt… Das ist ein Bereich, wo man sagen würde: das kann man nicht mehr kommentieren…“
Schülerin: „Das erklärt sich von selbst!“

Bei der Eröffnung steht eine Frau, die offenbar der tschechischen Sprache mächtig ist, im Raum und sagt zu ihrer Begleiterin: „Das ist noch viel, viel schlimmer, wenn man jedes Wort versteht. Ich kann mir das nicht anhören, so schlimm.“ Und geht.

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