Zündstoffe #3: Eine andere Welt

Auf unserem Blog zu Gast: Studentinnen des Instituts für Kunstgeschichte von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg schreiben über die Ausstellung “Almut Linde: Radical Beauty”.

Ich betrete den letzten Raum der Ausstellung.
Weiß. Wie alle anderen Räume. Aber fast leer.
Aus zwei Lautsprechern höre ich ein Kind singen.
In einer fremden Sprache. Es klingt eigentlich ganz fröhlich.
Doch ich höre genauer hin. Bin neugierig.
Was genau singt wohl dieses Mädchen? Was passiert mit ihr? Was passiert hier?

Und dann, dann erfahre ich durch die Beschriftung an der Wand, dass diese Stimme einem neunjährigen Mädchen gehört, das an der deutsch-tschechischen Grenze als Prostituierte arbeiten muss. Es singt tschechische Kinderlieder.
Kinderlieder. Eine heile, glückliche Kinderwelt. Für das junge Mädchen unerreichbar. Eine andere Welt.

Einfach weitergehen kann ich nicht. Der Rundgang ist zu Ende. Nur umkehren, das ginge. Aber kann ich einfach umkehren, wegschauen, so tun, als wäre nichts gewesen? Ja, ich kann es. Dieses Mädchen aber nicht.
Wenn ich den Raum verlasse, vergesse ich dann auch, dass das Schicksal dieses Mädchens kein Einzelfall ist? Dass es traurige, schreckliche Realität ist? Ich erschrecke, schäme mich und bin schockiert. Es ist eine andere Welt. Und jeder weiß, dass es sie gibt.

Ein weiteres Mädchen, kaum älter, wurde an einen ihr fremden Ort gebracht und muss dort nun ebenfalls als Kinderprostituierte arbeiten. Sie schrieb einen ergreifenden Brief an eine Sozialarbeiterin. Eine Fotografie der Rückseite dieses Briefes und der übersetzte Text in Abschrift hängen an einer Wand. Bunt, lachend, lustig – die Collage aus Joghurtdeckeln und Verpackungen von Süßigkeiten auf der Briefrückseite zeugen von der Sehnsucht nach einer anderen Welt – einer fröhlichen, normalen Kinderwelt.

Kunstpalais Erlangen Ausstellung
Dirty Minimal #45.1.1 und #45.1.2 – Eine andere Welt / Another World, Soundinstallation und Fotografie und Text, 2008/2009, Fotograf: Erich Malter

Über die Grenzgänger verfasste Axel Reitel ein hörenswertes Radiofeature, produziert vom MDR 2004. Es handelt von Sozialarbeitern des Vereins Karo e.V., die lebensgefährliche Arbeit in einer grenzüberschreitenden Welt von Zwangsprostitution und Menschenhandel leisten. Almut Linde begleitete sie 2008/2009 und musste selbst erfahren, wie Kinder in Autos mit deutschen Kennzeichen stiegen, immer unter Beobachtung ihrer Zuhälter.

Autorin: Eva-Carina Lobmeier absolvierte 2013 ihren Bachelor der Kunstgeschichte an der Universität Regensburg. Derzeit studiert sie im Masterstudiengang Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Museumsarbeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

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